Geschichten-Galerie

Es ist immer auch ein Loslassen, wenn die Babies aus meiner Werkstatt ein Zuhause finden. Einige, die mir besonders ans Herz gewachsen sind, zeige ich Ihnen hier.

Der Nistkasen selig

Als ich den entsorgten Nistkasten mit seinem kaputten, von roten Flechten bewachsenen Dach in der Mulde fand, tat er mir irgendwie leid. Über viele Jahre bot er Vogelpaaren einen geschützten Hort, in dem sie ihr Nest bauen und ihre Jungen aufziehen konnten. Seine Abschiebung in die Mulde erschien mir irgendwie gar nicht recht. Ich zerlegte ihn und fügte Teile des Daches, der Seitenwände und der Front zu einer Collage zusammen. Jetzt sind die verschiedenen Teile des Kasten – alle bisher in verschiedene Himmelsrichtung schauend – zum ersten mal vereinigt und ich glaube sie erzählen sich alle gerade angeregt, was jedes so für sich so erlebt hat.


Buchers Tablett

Wie viele Harassenladungen Nunninger Äpfel sind wohl durch den moosgrünen Holztrichter des Obstschredders Richtung Apfelmost gekullert? Der Trichter mit der schönen, grünen Patina stand in einem sehr alten Haus in Nunningen und sollte in die Entsorgung. Mir gefiel der verlebte, dunkelrote Schriftzug «Maschinenfabrik Bucher-Guy(er) Niederwenigen Zürich» unglaublich gut und ich freute mich darum sehr, dass ich das Teil in meine Werkstatt nehmen durfte. Eine ergraute Latte spendierte den Rahmen für das Tablett und jetzt war er auch gekommen, der Moment, wo die zwei alten Messinggriffe einer Kommode ihren grossen Auftritt erhielten.


Das never-ever-give-up-Tablett

Man muss einfach an sich glauben, dann kommt es schon gut. So erging es 6 alten Stühlen, deren Tage — so wackelig und durchgesessen sie waren — eigentlich gezählt waren. Aber selbst angekommen im Recyclinghof, blieben sie optimistisch und siehe da, eine Mitarbeiterin ebendieses, erinnerte sich an einen Altholzflüsterer, dem sie die Stühle am Feierabend vor die Werkstatt stellte. Und so erschuf dieser aus den Beinen der alten Sitzmöbel dieses Tablett. Und weil den Stuhlbeinen tragende Rollen ja ausserordentlich vertraut sind, gewöhnten sie sich schnell daran, von nun an Kulinarisches zu tragen.


Chunnt scho guet!

Die kleine Hand streckte mir – auf einem verrotteten Brett montiert – inmitten einer Entsorgungsmulde einen winzigen Metallstab entgegen und das wirkte auf mich irgendwie sehr berührend. Denn es sah aus wie ein Daumen nach oben und als wollte sie mir sagen: «Hey, ich bin hier zwar irgendwie grad e bitzeli am Arsch, aber was soll’s, das wird schon wieder!». Und weil wir alle zwischendurch ein motivierendes «Chunnt scho guet!» gebrauchen können, habe ich sie mit zu mir in die Werkstatt genommen und ihr ein kleines Altholzzuhause zum Auhängen geschaffen. Ein Aufstellerli, wenn’s mal grad nicht ganz so läuft, wie’s soll und ein Erinnerli, dass mit Zuversicht gleich alles wieder heller wird.

Achtsamkeit

Etwas mehr Achtsamkeit können wir alle gebrauchen in diesen Zeiten, wo es immer normaler wird, dass jemand, der nicht derselben Meinung ist, gleich zum Feind gestempelt wird. Wo Schwache den Mechanismen der Optimierung zum Opfer fallen und wo viel Lautes, Schrilles und Grobes im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, derweil die feinen Töne und das Verletzliche verdrängt werden. Dem wunderschönen «Handle with care» Signet, das ich auf einer alten Holzkiste entdeckte, gab ich einen schützenden Rahmen aus alten Dachlatten aus Nunningen. Es darf jetzt hinaus in die Welt, wo es uns immer wieder daran erinnert, nicht zu vergessen, dem Zerbrechlichen und Wertvollen Sorge zu tragen.

Gordon's Dry Gin Wandbild

Da schaut man ganz entspannt bei der Altholzmulde seines Vertrauens vorbei und dann grinst einem eine alte Gin-Holzkiste entgegen: yesss – was für ein Steilpass! Weil ich den etwas verwegenen-groben Gordon’s-Aufdruck ungemein cool fand, dachte ich, der muss irgendwo an eine Wand. Also habe ich dem Teil einen Altholzrahmen verpasst und voilà, das ist es, DAS perfekte Geschenkt für den Gin-Liebhaber oder die Gin-Liebhaberin.

Revival eines Davoser-Schlittens

Wie viele Schneekilometer der alte Schlitten aus Zürich auf dem Buckel hatte, konnte ich nur erahnen, denn der Schlitten war echt am Ende. Lottrig und mit durchgerosteten Kufen landete er bei mir in der Altholzflüsterei, nachdem ich ihn auf dem Trottoir ausgesetzt gefunden hatte. Er ist noch daran, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er jetzt als Tablettboden Geschirr und Servietten und vielleicht die eine oder andere Deko statt schnittige Skihosen tragen wird. Geben Sie ihm einfach etwas Zeit und gewöhnen Sie ihn langsam an seine neue Aufgabe – er wird sie schon meistern.

Hesch-Dini-Ovi-scho-gha-Tablett

Wie oft güxsle ich in die Altholzmulde ohne etwas Braubares zu entdecken. Umso grösser war meine Freude, als ich auf eine echte Trouvaille stiess: ein alte Ovomaltine-Kiste. Die soll in die Verbrennung? Sicher nicht! Zusammen mit den antiken Türgriffen und herrlich verwitterten Dachlatten hab ich aus ihr dieses Tablett geschaffen. Sie müssen mit ihm nicht zwingend Ovomaltine servieren, aber ich denke, Sie würden ihm eine Freude damit bereiten.

«Gopferdeckeli»

«Jo Gopferd….» tönte es aus meiner Werkstatt, als ich eine Gehrung eines Bilderrahmens vor lauter Vorfreude, die vier Seiten bald verleimen zu können, prompt verkehrt geschnitten hatte. Der Rahmen für eine liebe Kundin war dahin und ich musste in meinem Altholzlager auf die Pirsch nach zwei passenden Holzlatten gehen, um erneut mit dem Verleimen zu beginnen. Aus den Abschnitten des verschnittenen Holzrahmens entstand dann dafür als Trost dieses seeeeehr herzige kleine, … eben halt «Gopferdeckeli».


Der Klosterkommodenspiegel

«Sie sind am Entrümpeln des Klosters Beinwil – hast Du Interesse an alten Dingen?» Was macht man in solchen Situationen: reichlich Endorphine ausschütten, Anhänger an den Kombi kuppeln und losfahren. Der sehr freundlicher Abt überliess mir etliche alte Möbel – darunter eine Kommode mit toller Patina. Normalerweise würde ich die alten Griffe auf meine Tabletts transplantieren – aber für einmal liess ich sie an ihren Schubladenfronten und gestaltete diesen Spiegel daraus. Die Patina der Griffe und das verwitterte, orange-braune Schubladenholz passen toll zueinander und haben gemeinsam sicher viel erlebt.

Das Nie-mehr-kalte-Füsse-Licht

Ich gestehe, ich bin absolut nicht der Schlittschuhläufer. Schon als Bub war ich immer froh, wenn ich wieder vom Eis konnte und meine Füsse wieder eine Chance auf normale Betriebstemperaturen erhielten. Aber hey, diese alten, fantastisch pittoresken Schlittschuhkufen musste ich einfach dem Altmetallkreislauf entziehen und verarbeiten. Es ist immer wieder faszinierend, wie früher Funktionales mit viel Liebe zur Form gestaltet wurde. Und jetzt brennt das Kerzlein da, wo ich immer kalte Zehen hatte und verbreitet durch die schönen Öffnungen im Metall sein wohlig-warmes Licht – und ein bisschen Versöhnung herrscht :-) Ein Licht also sowohl für Eislaufromantierker*innen als auch für solche, die dem Schlittschuhlaufen nicht so hinterhertrauern ;-)

Schynige-Platte-Schwarm

Auf dem Oberberghorn oberhalb der  Schynigeplatte hat mich ein abgebrochenes Stück Holztreppe angelacht.
Ich musste es einfach mitnehmen und erntete nicht wenige verwundert-amüsierte Blicke von entgegenkommenden Wanderer*innen und ein paar Brennholz-Sprüche. Unsere Tischnachbarin auf der Bergterrasse verstand mich dann auch noch nicht richtig und erklärte ihren Kollegen, ich sei ein Alphornflüsterer. Später wanderten wir an tollen, hellen Schiefersplittern vorbei, von denen ich ein paar schöne Exemplare mitnahm. Jetzt fehlte nur noch die Rückwand des Bildes und so fragte ich die Chefin des Campings in Wilderswil, wo wir zelteten, ob ich eines der verlebten Bretter haben durfte, die Wohnwagenbesitzer unter ihre Wagenstützen legen. Zuhause in der Werkstatt fand dann alles zusammen und wie freute ich mich, dass das Bild von einem Anwohner des Campings erstanden wurde :-)

Schuppenreisli

Es war einmal ein lustiger Tannenzapfen, der oberhalb von Röschenz unter seiner Tanne lag. Er tat das schon ziemlich lange und so wurde es ihm langsam aber sicher saulangweilig. Zum Glück erlöste ihn ein herumpirschender Altholzflüsterer, der ihn in seine Schuppen zerlegte und sie in einem kleinen Schuppenschwarm auf ein Reisli schickte. Und so kann man sie noch heute dabei beobachten, wie sie munter zusammen unterwegs sind (in einem Rahmen aus einem Stück Holz, das da ebenfalls in Röschenz am Waldrand etwas unmotiviert herumlungerte.)

DAS Schlüsselbrett

Könnte ich Schlüsselbretter züchten, dann wäre dieses Teil mein Zuchtbulle – keine Frage. Ziemlich gross, meinte mein Lieblingsmensch. Aber hey, das Leben ist zu kurz für kleine Schlüsselbretter. Das Brett erhält seinen Charakter aus der Kombination einer wunderschön verrosteten Türzarge aus Bärschwil, der Seite einer alten Industriekiste aus Trimbach und vier alten Schlüsseln, deren Bärte als Aufhänger dienen.

Vater & Sohn

Altes, rostiges Werkzeug fesselt mich. Weil heute alles skurril billig neu zu haben ist, landet es im Altmetall, obwohl es aus einer Zeit stammt, in der Werkzeug noch so gemacht wurde, dass es über Handwerkergenerationen hielt. Der Name dieses Werks kam mir in den Sinn, als ich die beiden Zangen nebeneinander legte und ich die grosse zur kleinen flüstern hörte «eines Tages, mein Sohn, gehört diese ganze Werkstatt dir.»

Henco-Bild

Ich fand heraus, dass es sich bei «Henco» um ein altes Bleich-Soda der Firma Henkel handelte. Aber immer wenn ich die tolle Schrift der alten Holzkiste sah, in der das Waschmittel transportiert wurde, kommt mir der Kinderhit in den Sinn: Henco, Henco, Henco-Henco grad jetzt; Henco eis an d'Ohre und denn ohni z'Nacht ins Bett! Und ich stell mir vor, wie da 50 (natürlich sanfte) Ohrfeiglein, sauber verpackt in kleinen Paquets in der Kiste waren. Muss grad wieder schmunzeln.


Kloster-Sockel-Spiegel

«Eines Tages,» sagte die Sockelleiste eines ausrangierten Gebetbankes auf dem Dachboden des Klosters Beinwil, «eines Tages werde ich mehr sein, als nur ein Sockel, auf dem das ganze Gewicht lastet und den kaum jemand beachtet». Und dann kam dieser Tag, als ein Altholzflüsterer ihn von seiner undankbaren Trägerrolle befreite und ihn zu einem schmucken, kleinen Spiegel verarbeitete. Und so umrahmt er nun seiner erdrückenden Bürde enthoben voller Freude und Zuversicht das reflektierende Glas und strahlt mit ihm um die Wette.



Altholzflüsterer, Philippe Ammann, Rötelnweg 12, 4208 Nunningen, Tel. 079 508 12 89, kontakt@altholzfluesterer.ch